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Liebespilger und heitere Eremiten: Geselligkeit in der Idealnatur der Gärten
Date Submitted: 30/07/2007 Date Last Modified: 31/07/2007

Im frühen 18. Jahrhundert entstanden in Frankreich Kunst- und Bühnenwerke, die den arkadischen Gedanken in der Form galanter Feste – „Fêtes galantes“ – wiederaufleben ließen. Ziel dieser Wirklichkeitsfiktionen war es, Mythos und Leben im Moment des Spiels zusammen zu bringen. Sie bildeten den Anlass für Landpartien mit amourösem Ziel. Die außerhalb von Paris gelegenen Gärten und Parks bildeten die Kulissen dieser Feste. Statuen der Venus und des Pans bezeichneten die stets umschlossenen Gärten zudem als arkadische Gefilde.
So schuf der Maler Jean-Antoine Watteau (1684–1721) mehrere Bilder, die eine Fahrt zur Liebesinsel Cythera darstellen. Diese griechische Insel, die in der Antike ein bedeutendes Venus-Heiligtum besaß, wurde zum Inbegriff jener Traumwelt einer heiteren Geselligkeit im Zeichen Amors. Aus der felsigen Insel wurde in den Bildern Watteaus, die in Nachstichen weit verbreitet wurden, ein ländliches Paradies. Dargestellt sind jugendliche Paare, die aufbrechen, um mit einem von Amoretten geführten Schiff zu einem Park überzusetzen. Das Vorbild war der berühmte Garten von St. Cloud bei Paris, der ebenfalls per Schiff zu erreichen war.

Mit dem Bild Cytheras verband sich der Gedanke der Pilgerschaft, wie er in der christlichen Tradition vor allem mit den großen Apostelgräbern in Rom und Santiago de Compostela/Spanien verbunden war. Die Jakobsmuschel, das Zeichen der Jakobspilger, bekam in der Hand einer galanten Dame eine erotische Komponente: Wenn der Pilger den Durst der Pilgerin stillt, indem er ihr aus seiner Flasche Wasser in die Muschel füllt, dann wussten die Zeitgenossen, dass das Bild das sinnliche Begehren und seine Erfüllung meint. Die Jakobsmuschel mutierte so zur Muschel der Venus. Auch wurde der Pilgerstab nun vielfach mit Weinlaub umwunden. Er erinnerte damit mehr an die Welt der Hirten und an das Gefolge des Bacchus als an die katholische Tradition. Mit dem Begriff der Liebespilger wurden Vorstellungen der Renaissance aus dem „Astreée“-Roman und aus der englischen Literatur, v. a. Spensers wieder aufgegriffen.


Gleiches gilt für den Bautyp der Eremitage, der nun auch Eingang in die Gartenkunst fand. Ursprünglich handelte es sich dabei um eine schlichte Einsiedlerhütte. Antike Philosophen wie Diogenes, der das einsame Leben in einem Fass der verdorbenen Geselligkeit der Stadt vorgezogen hatte, waren die Vorläufer der frühchristlichen Einsiedler, die später solche Hütten bewohnten. Anklänge an die Vorstellung einer ‚produktiven Einsamkeit’ sind in der Philosophie des 18. Jahrhunderts zu beobachten, u.a. bei Jean Jacques Rousseau, der in seinen Schriften eine Rückkehr zur Natur propagiert hatte. Das wiederentdeckte Ideal des arkadischen Hirtenlebens korrespondierte mit diesen Ideen auf vielfältige Weise.

Heitere Eremiten an deutschen Höfen

Diese Bilder unbeschwerter Gegenwelten wurden auch an einigen deutschen Höfen in die höfische Geselligkeit integriert. So ließ Friedrich II. von Preußen (1712–1786) als Kronprinz seine Sommerresidenz in Rheinsberg mit Bildern arkadischer Landschaften von Watteau und seinen Schülern Lancret und Pater ausgestalten.


In dem neuangelegten Schlossgarten bewegte sich die Gesellschaft junger, musisch gebildeter Menschen so, als lebten sie in diesen Bildern. Bewusst suchte man den Anschluss an die Arkadienentwürfe der antiken Schriftsteller Vergil und Horaz; man kostümierte sich wie in Guarinis berühmtem Schäferstück „Il pastor fido“, musizierte und tanzte im Freien und huldigte dem Weingott Bacchus. Friedrich zeichnete selbst derartige Landschaften und ließ sein neuerbautes Potsdamer Schloss Sanssouci in eine phantasierte arkadische Vedute stellen.
Da Friedrich noch keines der "Cythera"-Bilder besaß, ließ er sich 1750 ein solches von seinem Hofmaler Charles Amedée Vanloo malen, eine „Einschiffung nach Cythera“, dessen Zentrum ein Pilgerpaar bildet. Der Mann trägt den klassischen Pilgerumhang mit Muschelschmuck und einen Pilgerstab. Seine Geliebte wendet sich mit aufmunterndem Blick um zu einer noch zögernd verharrenden Gefährtin. Das Schiff wartet bereits, auch wenn es nur ein Katzensprung zu dem Ziel der Reise ist. Auf dem Bild ist ein Landschaftspark zu sehen mit Hermen, wie Friedrich sie auch in seinem neuerrichteten Potsdamer Park Sanssouci aufstellen ließ. Der offene Rundtempel im Bildhintergrund erinnerte an den 1735 errichteten Apollotempel seines Neuruppiner Amalthea-Gartens.
Vom Hofmaler König Friedrichs II., Antoine Pesne, existieren mehrere Porträts von Angehörigen des preußischen Hofes im Kostüm der Liebespilger. Während der Maler Friedrich Adolph Harper und seine junge Frau (1740–45) vergleichsweise züchtig daherkommen, verweist das geöffnete Mieder der Begleiterin des Grafen Gustav Adolph von Gotter) auf dessen Ruf als liebestoller Lebemann. Gotter war als Diplomat in sachsen-gothaischem Auftrag am Wiener Hof tätig, ehe er in preußische Dienste trat. 1743 ernannte ihn Friedrich II. zum Intendanten der neuerrichteten Kgl. Oper in Berlin. In dieser Funktion war er auch für die Ausgestaltung von Festen zuständig


Die Anregungen aus Frankreich fielen auch in Thüringen auf fruchtbaren Boden. 1739 gründete die gebildete, literarisch und künstlerisch interessierte Gothaer Fürstin Luise Dorothea (1710–1767) zusammen mit ihrem Mann Friedrich III. von Sachsen-Gotha einen Orden der heiteren Eremiten („Orde des Eremites humeures“). Ihm gehörten außer der fürstlichen Familie Angehörige des Hofes an. Versammlungsort war in der Regel die Sommerresidenz in Friedrichswerth. Im Schlosspark waren vier Eremitagen errichtet worden, von denen eine als Versammlungsraum, eine als Speiseraum diente und eine weitere der Einnahme des Kaffees vorbehalten war. In der vierten Klause konnten sich die Mitglieder an Spieltischen vergnügen. Alle Mitglieder trugen ein Ordensgewand und besondere Namen, die auf den jeweiligen Charakter verwiesen. So hieß Graf Gotter, der 1743 als Mitglied Nr. 39 eintreten durfte, den Namen „Tourbillion“ – Wirbelwind. Das Ordenszeichen war ein ovales Schildchen aus grünem Email mit der Devise „Vive la Joie“, das auf der Rückseite den Namen und die Mitgliedsnummer trug. Mehrere Mitglieder ließen sich in diesem Ordenskleid porträtieren, unter ihnen die Herzogin und Graf Gotter, der in seinem Schloss in Molsdorf nicht nur Horaz-Zitate anbringen ließ, sondern auch die Ordensdevise. In Molsdorf wurden mehrfach Ordensversammlungen abgehalten.


Das Hofzeremoniell war während der Ordensversammlungen aufgehoben, so dass ein relativ gleichberechtigtes Miteinander möglich wurde.
Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) löste sich der Orden auf, der inzwischen auf 71 Mitglieder angewachsen war. Dennoch gab es vergleichbare Bestrebungen auch in späteren Jahren. So gründete Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder des Königs, 1765 einen Amathunt-Orden, benannt nach einem weiteren berühmten antiken Venus-Heiligtum. Den Park seiner Sommerresidenz Rheinsberg, die ihm nach Friedrichs Thronbesteigung zugesprochen worden war, erweiterte er um neue, landschaftliche Partien und pflegte hier mit seinen Freunden ein ähnliches arkadisches Leben wie Friedrich in seiner Kronprinzenzeit.

Salomon Gessners Idyllen

Der Schweizer Idyllen-Dichter und Maler Salomon Gessner schuf 1775 ein Aquarell mit dem Titel „Das ländliche Fest“. Nicht mehr zeitgenössische Kostüme bestimmen die Szene, sondern antikische Kleidung und ebensolches Gerät. Auch der Tempel im Bildhintergrund verweist auf die Antike, die bereits seit langem Eingang in die Gärten auch nördlich der Alpen gefunden hatte. Pan- und Venusstatuen sind nicht zu sehen, doch das Ausschenken von Wein verweist auf die alte Tradition. Auch wenn die Liebesinsel Cythera hier noch einmal beschworen wird, so hat sich doch das Bild der Liebe gewandelt, es ist nicht mehr galant, sondern unschuldig-sittlich. Die landschaftlich gestaltete Natur nimmt einen weitaus größeren Raum ein als die handelnden Personen.
Schließlich eroberte auch die bürgerliche Gesellschaft die arkadischen Gefilde der Parks, wie es Daniel Chodowiecki in dem um 1760 entstandenen Bild des Berliner Tiergartens zeigt.


In dem Werk der „Anakreontiker“, einer Gruppe von Dichterfreunden um Gleim, die sich als Studenten auf der Universität Halle getroffen hatten, lässt sich zeitgleich ein ähnliches Bemühen feststellen, die heitere Bukolik der Antike wiederzugewinnen, allerdings auch in der eher bürgerlichen Variante ohne die alte freie Sinnlichkeit. Wie in den Idyllen Gessners verbleiben die Hirten in schmachtender Liebe und jugendlicher Unschuld.


Das Bild der Idylle war im späten 18. Jahrhundert bereits brüchig geworden. Die Frage nach dem Einbezug der eigenen Lebenswirklichkeit wurde drängender, und die Dichter stritten sich über das Verhältnis von Realität und Idealität in der Idyllik. Goethe warf Gessner vor, dieser habe die wirklichen Hirten und Landleute zu wenig berücksichtigt und ein nie dagewesenes Ideal entworfen. Der Theatermann Johann Jakob Engel hielt 1774 dagegen: "Dagewesen oder nicht dagewesen; es ist einmal wie das andere eine sehr gute, sehr interessante Art Menschen."
Die neue Naturnähe führte nicht nur bei Gessner zu einer Modifizierung des Galanten. Auch Gessner wandte sich gegen das Gekünstelte, indem er sich auf Theokrit berief, dessen zuweilen derber Realismus erst im späten 18. Jahrhundert wieder aufgenommen wurde.


Nicht die Nachahmung der Natur war das künstlerische Ziel, sondern die Wahl des Schönsten, die in der arkadischen Landschaft zusammengebracht wurde. Es war eine „Utopie der Flüchtigkeit“ (Norbert Miller), die den besonderen Augenblick im Genuss überdehnte, um ihn im Bild zu verewigen.
 
 
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