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 Geschichte eines Mythos - Antike

A R K A D I E N - ein poetischer Ort der Hirten in der Antike

 Das Arkadienbild, das die europäische Kultur in den vergangenen 3000 Jahren prägte, hatte und hat mit dem realen griechischen Landstrich, wie ihn der Reisende Pausanias im 2. Jahrhundert nach Christus beschrieb, wenig gemein. Was wir heute unter dem Begriff des „Arkadischen“ oder einer „arkadischen Landschaft“ verstehen, lässt sich auf die kreativen Erfindungen sowohl griechischer als auch römischer Schriftsteller zurückführen, die das alte Motiv des mit der Natur in stiller, unschuldiger Eintracht lebenden und liebenden Hirten entwickelten. Die so genannte Bukolik oder Hirtendichtung, eine seit dem griechischen Dichter Theokrit (310–250 v. Chr.) eigene literarische Gattung, entstand als Reaktion auf die zunehmende Verstädterung und die damit einhergehenden Probleme in einer komplexer werdenden Welt:

Der Grieche Theokrit verlegte die Handlung seiner Hirtendichtung nach Sizilien. Ein dergestalt exotischer, unbekannter und fernab liegender Ort schuf Distanz zur alltäglichen Erfahrung und Lebensumwelt seiner griechischen Landsleute. So war den Lesern ein Rückzug ins Idyllische und die Besinnung auf eine naive Ursprünglichkeit im Umgang mit der Natur ebenso möglich wie der Nachvollzug unschuldig-tragisch enttäuschter Hirten-Liebe. Die beiden Leitmotive Liebe sowie Leben und Tod sind die Konstanten der Hirtendichtung seit der Zeit des Hellenismus (4.–1. Jh. v. Chr.).


Den nachhaltigsten Einfluss auf das Arkadienbild im Nachleben der Antike seit der Renaissance hatte dabei der schon zu Lebzeiten berühmte römische Dichter Vergil (70–19 v. Chr.). In seinen Hauptwerken, den Hirtengedichten (Bucolica) und den Abhandlungen über den Landbau (Georgica), schuf er erstmals jene Verknüpfung zwischen der realen griechischen Landschaft auf der Halbinsel Peloponnes, dem Ur-Arkadien und dem naturverbundenen Hirtenleben. Er gilt als der eigentliche Erfinder dessen, was wir heute unter dem Begriff „Arkadien“ verstehen. Überliefert sind zehn Eklogen (Gedichte), die zur Gattung der Bukolik zählen. Sie erzählen auf phantasievolle Weise das Leben der Hirten, die sich zumeist dem Gesang widmen, in einer fruchtbaren, friedvollen Natur. Die Tätigkeiten, denen Vergils Hirten nachgehen – Dichten, Singen und Philosophieren – verklären das reale, körperlich durchaus anstrengende Hirtenleben.

Daphnis und Chloe, deren Liebesglück durch den frühen Tod des Daphnis ein Ende fand, ist das Hauptthema der 5. Ekloge: „Um Daphnis, den grausam der Tod ausgelöscht hatte, weinten die Nymphen – ihr Haselsträucher und ihr Flüsse bezeugt es den Nymphen, damals, als die Mutter den bejammernswerten Leichnam ihres Sohnes umarmte und Göttern und Gestirnen Grausamkeit vorwarf. Keine Hirten führten an diesen Tagen ihre Rinder, o Daphnis, an den kühlen Fluss; kein Vierbeiner trank aus dem Strom oder rührte einen Grashalm an“ (Vergil, 5. Ekloge, 21–26).


Die Hirten pflegen hier den Gesang als Ausdrucksmittel ihrer Gefühle und sehen in der Natur, die sie umgibt, einen Spiegel der inneren Seelenzustände des Menschen. Neben Vergil schrieb der römische Dichter Horaz (43 v. Chr.–14 n. Chr.) so genannte Epoden, in denen er Themen wie Freundschaft, Liebe, das Glück der Stille oder den Genuss des Rückzugs vom Stadtleben behandelte. Seinen Epoden lagen Strophenformen und Versmaße griechischer Lyriker zu Grunde. Arkadien galt in der antiken Mythologie seit jeher als Ursprungsort des Gesangs, da der Gott Pan als Regent dieser Region die Musik erfand und die Arkadier wegen ihrer musikalischen Leistungen gerühmt wurden.

In Vergils Zusammenführung von gegensätzlichen Motiven zu einer paradiesischen Idealwelt spiegelt sich der uralte Wunsch der Menschheit nach Abkehr von den zivilisatorischen Unzulänglichkeiten hin zu einer reinen, ursprünglichen und verinnerlichten Welterfahrung. Dieses Idealbild einer harmonischen Welt, fern ab von den Problemen des Alltags, übte großen Einfluss auf die Entwicklung der Gartenkunst seit der Antike bis in heutige Tage aus.


Das Anlegen von Zier- und Nutzgärten findet sich in allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Waren es im antiken Griechenland der Klassik (5. Jh. v. Christus) v. a. kleinere zum Haus gehörende Nutzgärten sowie ausgedehnte Gartenanlagen, die zu Heiligtümern gehörten, setzte in der römischen Kaiserzeit ab dem Jahre 27 v. Chr. ein verstärktes Interesse der wohlhabenden Bevölkerungsschichten an der Anlage prachtvoller Gärten ein. Die Mode der Landvilla, villa rustica oder villa suburbana, ist für diese Entwicklung charakteristisch und an vielen Stellen in Italien heute noch sichtbar.

Das prominenteste Beispiel einer ausgedehnten Villen- und Gartenanlage ist die Villa Kaiser Hadrians (76–138 n. Chr.) in Tivoli bei Rom. Zahlreiche Grotten, komplexe Wassersysteme und Nachbauten berühmter Monumente, die der Kaiser auf seinen Reisen durch das römische Reich sah, fügten sich hier zu einem „Arkadien“. Das Motiv des Erinnerns an eine verstorbene Liebe begegnet auch hier: Hadrian setzte seinem Liebling Antinous, der in Ägypten bei einem Unfall ertrank, in der Anlage des Canopo ein bleibendes Denkmal.


Die Villen waren in Abgrenzung zur Stadtvilla oder zum herrschaftlichen Palast dem Studium und dem angenehmen Leben, dem so genannten Otium, gewidmet. Vor allem in der Villenkultur der Kaiserzeit lässt sich der starke Wunsch erkennen, ein „wirkliches“ Arkadien schaffen zu wollen. Die Bauten spiegeln die Sehnsucht nach einem verlorenen „goldenen Zeitalter“, wie es die Dichter beschrieben. Neben den Villen spielte die Einbeziehung der Natur in den innerhäuslichen Bereich eine ebenso wichtige Rolle, was sich an den zahlreichen Wandmalereien mit Garten- und Naturmotiven feststellen lässt. Der Versuch, eine Synthese aus vom Menschen geschaffener Kultur und ursprünglicher Natur zu erreichen, blieb dabei das Hauptanliegen. Zahlreiche Beispiele für ausgedehnte Landschaftsmalereien im Innenraum sind aus der Antike überliefert.


Ein Beispiel der frühen Kaiserzeit sind die Fresken mit Gartendarstellungen in der Villa der Livia in Rom. Alle vier Wände des Saales waren mit Gartendarstellungen ausgemalt. Der Betrachter sah sich in einen üppigen Gartenraum gestellt, der ihm das Erlebnis arkadischer Ruhe und Besinnlichkeit versprach. Das Arkadische wird auch hier als eine künstliche, durch Menschenhand geschaffene Utopie vorgestellt, im Wissen um die literarischen Werke des Theokrit, von Vergil und Horaz. Erhaltene Fresken aus Pompeji zeigen, dass die Idee des Arkadischen in der Wohn- und Lebenswelt der Antike weit verbreitet war. So findet sich in der Casa del Bracciale d’Oro das Motiv der wilden Natur in Verbindung mit Wasserspielen, die in den Wohnraum eingebunden wurden, um ein Refugium der Kontemplation und Ruhe zu schaffen.


„Um Daphnis, den grausam der Tod ausgelöscht hatte, weinten die Nymphen –

ihr Haselsträucher und ihr Flüsse bezeugt es den Nymphen, damals,

als die Mutter den bejammernswerten Leichnam ihres Sohnes umarmte und Göttern

und Gestirnen Grausamkeit vorwarf.

Keine Hirten führten an diesen Tagen ihre Rinder, o Daphnis, an den kühlen Fluß;

kein Vierbeiner trank aus dem Strom oder rührte einen Grashalm an“

Vergil, 5. Ekloge, 21–26

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