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 Einführung - Arkadischer Mythos

Arkadien: Geschichten eines europäischen Traumes

Seit der Antike existiert in der europäischen Kultur das Traumbild von Arkadien als einer fiktiven Idealwelt, in der der Mensch als Schäfer mit der Natur in Frieden, Muße und Eintracht lebte. Und dieses Traumbild forderte immer wieder heraus zur poetischen, musikalischen, bildkünstlerischen oder gestalterischen Überformung: Idyllische Landschaften, anmutige Naturausschnitte mit Bäumen, üppigem grünem Rasen, einer plätschernden Quelle und angenehm duftenden Kräutern und Blumen. Gott Pan und der durchtriebene Gott Amor hatten hier ihre Heimstatt. Hirtinnen und Hirten weideten ihre Herden, liebten einander schüchtern oder leidenschaftlich und lebten ein einfaches, sorgloses, naturnahes Leben. Ländliche Gebäude, antike Ruinen oder Monumente waren Staffage solcher Szenerie.

Der Traum von Arkadien besaß und besitzt eine europäische Dimension. Die Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben in einer harmonischen, intakten Umgebung hat die Menschen zu allen Zeiten und in allen Epochen bewegt und schöpferische Kräfte freigesetzt, um der Verwirklichung dieses Traumes ein Stück näher zu kommen.

Die Wege des Pausanias im realen Arkadien in Griechenland, die Wege der Astrée im französischen Forez und die Spazierwege rund um die deutsche Kulturstadt Weimar sind Teil und Ausprägung des Traums von Arkadien.

Die drei Regionen sind durch ihre Flüsse mit dem Thema Arkadien verbunden. Der Alpheus – der Sage nach ein in einen Fluss verwandelter Gott, der die Nymphe Arethusa verfolgt hatte – entspringt südlich von Tegea im griechischen Ur-Arkadien. Honoré d'Urfé verband ihn schon vor vierhundert Jahren in seinem arkadischen Schäferroman motivisch mit dem Fluss Lignon im Forez und auch mit der Ilm in Weimar. An die Prinzen und Prinzessinnen der Astrealischen Gesellschaft, unter ihnen Bernhard von Weimar, schrieb er:

"Wenn aber gemäß Ihrer Wünsche mein lieber Lignon, den in Arethusa verliebten Strom nachahmend, einen Weg durch die Eingeweide der Erde finden kann, um sich an die Orte zu begeben, wo sich so einzigartige Schäfer und Schäferinnen befinden, werde ich ihn für unendlich glücklich halten, durch so beglückte Provinzen zu fließen, wie die, wo so große Hirten regieren." (Honoré d’Urfés Antwort an die deutsche Astrealische Gesellschaft, 1625)

Die Ideale der poetischen Schäfer und Schäferinnen haben sich im Lauf der Zeit gewandelt und sind dennoch in gewisser Weise invariant geblieben. Es waren immer Wunschbilder ihrer vom Hof- und Stadtleben, von Kriegswirren, von Karrierismus und Intoleranz enttäuschten Schöpfer, in denen ihr Publikum sich bestätigt fand. "Et in Arcadia ego" – "Auch ich in Arkadien" – das konnte und kann bedeuten: Endlich bin auch ich selbst als Wanderer, als reisender Poet im erträumten Reich meiner Sehnsüchte. Es konnte und kann auch bedeuten: Ich, die Kunst, bin in Arkadien. Und, wenn der plötzlich von den Hirten entdeckte Totenkopf oder der Sarkophag zu uns zu sprechen schien, dann konnte es bedeuten: Selbst ich, der Tod, bin hier im Reich der friedlichen Natur, vergesst das nicht! Das Goldene Zeitalter ist vorbei, Arkadien ist nur die sentimentalische Erinnerung daran.

Arkadien heute?

Was lernen wir von den arkadischen Hirten vergangener Jahrhunderte? Vielleicht dies:

Die Hirten Arkadiens waren überall zu Hause – und nirgends. Sie gehörten keiner Nation an, sie gehören allen Nationen Europas gleichermaßen. Ihr Land war das der schönen Natur und gleichzeitig das einer poetischen Fiktion, einer geträumten Utopie.

Im wirklichen Arkadien auf dem Peleponnes, wo in archaischer Zeit schon dem bocksbeinigen Pan mit der Flöte und dem Weingott Bacchus gehuldigt wurde, zeigen die antiken Bronzeskulpturen in den Kunstmuseen Hirten, die von ihrer Arbeit in unwirtlicher Natur gezeichnet sind, in wetterschützender Kleidung, festen Schuhen und langen wärmenden Umhängen. Aber sie zeigen auch Mosaikbildnisse von Flöten spielenden nackten Jünglingen aus römischer Zeit im Angesicht friedlich lagernder Herden.

 


Das Traumbild Arkadien hatte seit jeher Konjunktur in Zeiten von Krisen und äußerer Bedrohung.

Die vornehmen Hirten des Astrée-Romans kamen aus verschiedenen Ländern Europas, um im Tal des arkadischen Forez gemeinsam zu leben, gesittet und fern von Krieg und Hofzwang, immer auf der Suche nach der wahren Geliebten und nach dem erfüllten Umgang mit der Schöpfung der Natur. Die astrealischen Hirten Europas waren – nach den damaligen genealogischen Vorstellungen – allesamt stammes- und familiengeschichtlich miteinander verwandt.

Auch die herzogliche Familie und ihre sie beratenden Künstler schufen rund um Weimar einen Reigen arkadischer Gartenlandschaften, in denen man – wenigstens für den Moment – die Hofetikette und die Zwänge der Politik und des Stadtlebens gegen den poetischen Entwurf des Landlebens eintauschen konnte.

Was uns heute mit dem Traum von Arkadien aller Zeiten vereint, ist die Möglichkeit des Innehaltens. Die Möglichkeit, das Traumbild Arkadiens in unseren regionalen Kulturlandschaften zu erleben, sie neu wahrzunehmen und in sie einzutauchen, eröffnet uns wenigstens zeitweise das Aussteigen aus den sich immer schneller drehenden Mühlwerken des Alltags. Es ist dies dann ein bewusst vollzogener Rückzug vom täglichen Behauptungskampf, vom Konkurrieren im immer schärfer werdenden Wettbewerb. Die Hirten Arkadiens beherrschten zu allen Zeiten die Fähigkeit zur Entschleunigung, zum Langsamen, zum Spazieren, zum Müßiggang, zum gefühlvollen Austausch, zum rastenden und genussvollen Beharren und zum ehrfurchtsvollen Umgang mit der Natur. Wir können uns über Ländergrenzen im gemeinsamen Erinnern an den europäischen Traum von Arkadien wieder als Verwandte und Freunde erleben, so wie einst die Hirten der Astrée. Da wo die Nationen allmählich beginnen, in einem Europa aufzugehen, können die Gedächtnisorte der Regionen die Sehnsucht nach Geborgenheit und Identifikation stillen. In Arkadien geschieht das nicht gegeneinander, sondern nur miteinander. Wir können hier die schöne Natur erleben als eine uns zugehörige Landschaft, die nicht vernutzt werden soll durch hektisch unternommene Urlaubsreisen in ferne Ferienparadiese. Die Gartenlandschaften sind die Paradiese vor unserer Tür, die uns jederzeit offen stehen. Es gilt, sie zu schützen und zu bewaren.

Die über die Jahrhunderte hinweg Gestalt gewordenen Zeugnisse Arkadiens aus Kunst und Kultur haben kaum etwas von ihrer Anziehungskraft verloren. Es lohnt sich, sie zu entdecken und mehr zu erfahren über das nahe, ferne Arkadien. Die Communauté de Communes du Pays d`Astrée, Frankreich, die Stadt Tegea in Griechenland und die Klassik Stiftung Weimar, die sich zu diesem Ausstellungsprojekt zusammengetan haben, möchten zu dieser „schönen Anstrengung“ (H.v. Kleist) ermutigen.

 

 

 

 

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